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"Baglama" Die Tausend Jahre Alte Stimme Anatoliens
Der alte Klang
der Baglama (Skylife Aralik, Dezember 1997) Ulas Özdemir, Übers. aus
dem Englischen von Bernhard Fuchs Sollte ein einziges Instrument die
türkische Volksmusik repräsentieren, so müßte es die Baglama sein.
Es gibt keine Region, kein einziges Dorf in Anatolien, wo dieses Saiteninstrument
nicht bekannt wäre. Es stammt vom Kopuz ab, welches häufig in den
Epen von Dede Korkut ungefähr aus dem achten Jahrhundert erwähnt wird.
Kopuz, eine Bezeichnung für verschiedene Saiteninstrumente, wurde
von den türkischen Stämmen in Zentralasien vor ungefähr zweitausend
Jahren benützt und von türkischen Wandersängern ab dem 10 Jahrhundert
nach Anatolien gebracht. Die schamanistischen Türken in Zentralasien
erachteten Kopuz für heilig und es heißt sogar, daß Krieger mit einem
umgehängten Kopuz im Kampf unverwundbar waren.
Kopuz unterscheidet sich von Baglama durch einen mit Leder überzogenen
Korpus, ein Griffbrett ohne Bünde, und zwei oder drei Saiten entweder
aus Pferdehaar oder aus Schaf- beziehungsweise Wolfsdarm. Es wird
eher mit den Fingern geschlagen, als mit einem Plektrum gezupft.
Während der türkischen Besiedlung Anatoliens ab dem späten zehnten
Jahrhundert wurde eine zweisaitige Verwandte des Kopuz eingeführt,
die türkische dütar, die bis in die jüngste Zeit in manchen Regionen
der Türkei noch gespielt wurde.
Berichten des Historikers Hämmer zufolge, wurden Metallsaiten zuerst
auf einem langhalsigen Typ des Kopuz verwendet, der im 15. Jahrhundert
in Anatolien unter dem Namen kolca kopuz bekannt war. Damit war der
erste Schritt zur Entwicklung des cögür markiert, einer Übergangsform
zwischen kopuz und baglama. Evliya Celebi, einem Autor des 17. Jahrhunderts
zufolge wurde die cögür zuerst in der Stadt Kütahya in der West-Türkei
gemacht. Die Lederdecke wurde mit Holz ersetzt, um dem Druck der Stahlsaiten
standhalten zu können, das Griffbrett wurde verlängert und Bünde wurden
eingeführt. Anstatt fünf Haarsaiten gab es nun zwölf Metallsaiten
in vier Gruppen zu je drei angeordnet. Heute ist die cögür kleiner
als eine baglama mittlerer Größe.
Inzwischen scheint sich der fünfsaitige Kopuz in das sechssaitige
Instrument verwandelt zu haben, welches als sestar oder seshane des
Mystikers aus dem 13. Jahrhundert Mevlana Celaleddin-i-Rumi bekannt
ist. Auch in den Gedichten des Poeten des 14. Jahrhunderts Yunus Emre
kommt das Wort sestar vor. Evliya Celebi beschreibt kopuz als eine
kleinere Version der seshane. Das Wort baglama wird zuerst in Texten
aus dem 18. Jahrhundert benützt. Der französische Reisende Jean Benjamin
de Laborde, welcher die Türkei damals besuchte, berichtet „ die Baglama
oder Tambura ist in ihrer Form genau wie die cögür aber kleiner.“
Wahrscheinlich bezog er sich auf das kleinste Instrument der baglama-Familie,
der cura. Wie bei ihrem Vorgänger kopuz, verbanden die Türkmenen von
Anatolien heilige Bedeutung mit der baglama. Die religiösen Zeremonien
der Aleviten und Bektasiten beginnen mit dem Küssen der Baglama und
indem man den Kopf damit berührt, bevor die Hymnen gespielt werden,
die einen Hauptteil des Rituals ausmachen. Alevi und Bektasi Derwische
können als Wanderpoeten bezeichnet werden, und weil sie wegen der
geringeren Größe leichter transportiert werden konnte, spielten sie
meist die cura. Dr. Covel, der die Türkei 1673 und 1674 besuchte beschrieb
sie als ein „kleines erbarmenswürdiges Instrument mit drei Drahtsaiten,
die jeder Kerl gewöhnlich auf der Straße spielt“, während Jean Thevenot
ungefähr zur selben Zeit notierte, die Türken hätten: „einige Musikinstrumente,
das verbreitetste ist eine kleine Laute auf der sie den ganzen Tag
spielen ohne sie zu verstimmen“. Eine der häufigsten Arten der Baglama
in der heutigen Türkei ist divan, das größte Instrument der Familie.
Gewöhnlich wird es in einem einfachen Stil mit wenig Verzierungen
und sehr tief gestimmt gespielt. Es hat sieben Saiten in drei Gruppen.
Ein anderes Instrument ist die Tanbura, die moderne Version der dombra,
ein zweisaitiges Kazakh und Kirghiz Instrument. Ihr Korpus ist gleich
groß wie der der Baglama, sie hat einen kurzen Hals, wird aber wie
die langhalsige Baglama gespielt. Wie die divan hat sie drei Gruppen
von sieben Saiten.
Die Baglama mit kurzem Griffbrett wird von den Alevi und Bektasi Sekten
für heilig gehalten und zusammen mit der langhalsigen Baglama ist
sie das verbreitetste Instrument in der heutigen Türkei. Die langhalsige
Baglama heißt bozuk in Türkischen Dialekt und hat mehr Bünde. Beide
Arten haben sieben Saiten in drei Gruppen. Das kleinste Mitglied der
baglama Familie, die cura, hat einen kleinen Korpus und ein kurzes
Griffbrett. Es wird so gespielt wie die lange und die kurze Baglama,
hat jedoch nur sechs Saiten in drei Gruppen.
Außer diesen Typen gibt es zahlreiche regionale Variationen, die meisten
gerieten aber bereits in Vergessenheit. Am bekanntesten sind die dreisaitigen
Baglama der Teke Region, die von dem berühmten Baglama Spieler Ramazan
Güngör gespielt wird, und die zweisaitige cura, welche von Asik Nesimi
Cimen gespielt wird. Gelegentlich werden die Instrumente bei Aufnahmen
türkischer Musik wegen ihrer Klangfarbe eingesetzt.
In jedem Teil der Türkei wird die Baglama anders gestimmt, auch entsprechend
der Struktur des Volksliedes und der Art, wie das Plektrum geschlagen
wird. Die baglama kann mit oder ohne Plektrum gespielt werden, im
letzteren Fall wird die Art die Saiten mit den Fingern zu schlagen
selpe genannt. Selpe hat viele regionale Varianten. Die turkmenischen
Gruppen an der Ägäis zum Beispiel schlagen den Korpus der Baglama,
während die Alevis nicht so kraftvoll zupfen.
Seit den 1960ern gibt es elektrische Baglamas, wodurch die Lautstärke
erhöht wird, so daß sie auch in der Rock-Musik Verwendung finden können.
In der Struktur ähnlich dem ursprünglichen Instrument, haben diese
Instrumente electroguitar-pickups in den Korpus eingebaut.
Es gibt immer noch keine allgemein anerkannten Standards im Baglama
Bau: Welches Holz für den Korpus Verwendung findet, wie dick die Decke
sein soll, und wie lang der Hals sein soll. Aber schrittweise entsteht,
trotz dieser Debatten, ein Standard. Anstatt den Korpus aus einem
massiven Stück Maulbeerholz zu schnitzen, welches man heute nur schwer
findet, wird heute Wacholderholz in Stücken zusammengeleimt. Die Decke
wird aus Fichte gemacht und der Hals aus Kelebek Holz (?). Die Größe
des Korpus und die Länge des Griffbretts hängen von der höchsten Note
ab, die sich der Musiker wünscht, der das Instrument in Auftrag gibt.
Mansur Bildik, Wien 2003 |
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